E-Book: Talent Management – Teil 5 - Talente binden
In Teil 5 der erfolgreichen E-Book-Serie lesen Sie, wie Sie Talente langfristig binden. Außerdem, wieso dies nicht um jeden Preis geschehen muss.

Das Sozialunternehmen socialbee vermittelt Migrantinnen und Migranten und begleitet den Eingliederungsprozess. Wir sprachen mit Gründerin Zarah Bruhn.

Sozialunternehmerin Zarah Bruhn gründete 2016 in München gemeinsam mit Maximilian Felsner die Social-Bee GmbH für die nachhaltige Integration geflüchteter Menschen in den deutschen Arbeitsmarkt. 2022 wurde sie vom Bundesministerium für Bildung und Forschung als Beauftragte für Soziale Innovationen berufen sowie in den Rat für nachhaltige Entwicklung im Kanzleramt. In ihrem 2025 erschienenen Buch „Wer, wenn nicht wir? Unsere Zukunft neu denken“ zeigt sie auf, wie die soziale und ökologische Transformation gelingen kann.
Die Idee entstand 2015 in der Hochphase der Fluchtbewegungen. Damals habe ich hautnah miterlebt, dass viele Menschen zwar hoch motiviert sind, aber keinen Zugang zum Arbeitsmarkt finden – sei es wegen Sprachbarrieren, unklarer Aufenthaltsrechte oder fehlender Netzwerke. Gleichzeitig suchen Unternehmen händeringend nach Fachkräften. Aus diesem Grund ist socialbee entstanden. Wir wollen die Lücke schließen und die Integration über die Arbeit konkret ermöglichen.
Es gab 2016 eine große Schlagzeile: 29 Dax-Unternehmen haben vier Geflüchtete eingestellt. Alle Unternehmen machten zwar große Versprechungen. Aber in der Praxis ist es für das einzelne Unternehmen und für die Personalabteilung vor Ort alles andere als einfach, geeignete Mitarbeitende zu finden. Sie drohen an bürokratischen Hürden zu scheitern, müssen Qualifikationen einschätzen oder nachschulen. Nur so können sie neue Mitarbeitende langfristig ins Unternehmen integrieren. Deutschland braucht dringend Fachkräfte und wir haben hier Menschen mit Potenzial. Doch Bürokratie, Vorurteile und strukturelle Hürden verhindern, dass sie ihr Können einbringen. Stattdessen bleiben Talente ungenutzt und Potenziale werden nicht ausgeschöpft. Das ist weder ökonomisch noch gesellschaftlich sinnvoll.
Zum einen erleben wir sie als sehr motiviert. Sie wollen lernen – viele Migrantinnen und Migranten nutzen Arbeit als Chance, sich ein neues Leben aufzubauen. Zum anderen zeigen Studien, dass diverse Teams innovativer sowie resilienter sind und daher bessere Ergebnisse erzielen. Unternehmen profitieren also doppelt: Sie decken ihren Personalbedarf und steigern ihre Wettbewerbsfähigkeit.
Es gibt auf beiden Seiten Unsicherheiten: Bewerbende wissen nicht, wie deutsche Bewerbungsprozesse laufen, Arbeitgeber nicht, welche rechtlichen Rahmenbedingungen gelten. Dazu kommen Sprachbarrieren und fehlende Netzwerke. Socialbee fungiert als Brücke: Wir bereiten Talente vor, begleiten Unternehmen und bauen rechtliche sowie organisatorische Hürden ab. Besonders wichtig: Wir bleiben auch nach dem Jobstart Ansprechpartner für Unternehmen und Talente. So funktioniert die Integration auch langfristig.
Wir brauchen schnellere und transparentere Verfahren. Oft dauert die Anerkennung von Qualifikationen Jahre – in der Zeit gehen Motivation und Potenzial verloren. Auch beim Aufenthaltsrecht sollte Arbeit stärker als Integrationsfaktor anerkannt werden. Und ganz zentral: Wer arbeiten möchte, sollte unkompliziert auch die Möglichkeit dazu bekommen.
Beide Seiten erwarten Unterschiedliches. Das kann frustrieren. Unternehmen wünschen sich sofort einsetzbare Fachkräfte, wie sie diese eben kennen oder erwarten. Migrantinnen und Migranten benötigen aber manchmal Zeit, den deutschen Arbeitsmarkt besser zu verstehen, sich einzufinden, ihre Sprachkenntnisse zu verbessern oder sich weiterzubilden. Unsere Aufgabe ist es, Brücken zu bauen – durch Trainings und, indem wir Chancen und Schwierigkeiten offen ansprechen sowie alle Beteiligten intensiv begleiten.
Wir gewinnen und coachen Talente, bieten Sprach- und Soft-Skill-Trainings an und nutzen ein KI-gestütztes Matching-Tool, das Kandidatinnen und Kandidaten mit offenen Stellen zusammenführt. Gleichzeitig beraten wir Unternehmen zu rechtlichen Fragen, begleiten den Onboarding-Prozess und bleiben Ansprechpartner auch nach der Einstellung.
Offenheit und Aufklärung sind hier ganz entscheidend. Wir bieten interkulturelle Trainings an, sprechen Ängste offen an und schaffen Raum für Dialog. Wichtig ist, dass Integration nicht als Belastung, sondern als Chance für die Teamkultur verstanden wird.
Auf unsere enge Begleitung beider Seiten. Wir lassen Talente und Unternehmen nicht allein, sondern stehen während des gesamten Prozesses zur Seite. Das schafft Sicherheit, Vertrauen und zahlt sich in nachhaltigen Arbeitsverhältnissen aus.
Mir sind unzählige Persönlichkeiten durch ihren Mut und ihre Stärke in Erinnerung geblieben. Frauen und Männer, die alles riskieren mussten, um ihre Familien in Sicherheit zu bringen. So auch Fahima. Sie floh mit ihren drei Kindern aus Afghanistan. Als alleinerziehende Mutter hat sie sich durchgekämpft, spricht nach 4 Jahren fließend Deutsch und arbeitet mit unserer Unterstützung inzwischen Vollzeit bei einem großen Speditionsunternehmen. Sie erzählte mir, dass sie sich endlich wieder sicher fühlt. Und obwohl sie unter Rassismus litt – als „scheiss Ausländer“ beschimpft wurde –, habe sie hier zumindest keine Angst mehr, entführt oder sogar getötet zu werden. Und sie ist dankbar. Ihre große Bitte an Deutschland: etwas mehr Verständnis und weniger Vorurteile. Geflüchtete wollen arbeiten und sich ein sicheres Leben aufbauen.
Manchmal scheitert es an langwierigen Behördenverfahren oder an fehlender Flexibilität auf Unternehmensseite. Auch persönliche Schicksale können eine Rolle spielen. Wichtig ist, solche Erfahrungen ehrlich zu reflektieren und daraus zu lernen.
Unternehmen sollten Offenheit, Geduld und die Bereitschaft mitbringen, Mitarbeitende zu unterstützen. Ein gutes Onboarding, feste Ansprechpartner und die Bereitschaft, in Weiterbildung zu investieren, sind entscheidend. Zugehörigkeit entsteht, wenn Menschen ernstgenommen und als Teil des Teams gesehen werden.
Unser Team besteht aus Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen. Wir achten auf Diversität bei Einstellungen, pflegen eine offene Feedbackkultur und bieten flexible Strukturen, damit alle ihre Stärken entfalten können.
Es braucht drei Dinge: eine klare Haltung des Managements, konkrete Maßnahmen im Alltag und kontinuierliche Sensibilisierung. Diversity darf kein Projekt sein, sondern muss Teil der Unternehmenskultur werden.