Karrierechancen_Dr. Böhmer Karrierechancen_Dr. Böhmer

HR-PRAXIS

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Deshalb sollten Sie diesen Artikel lesen:

Warum starre Rollenbilder und strukturelle Ungerechtigkeiten dazu führen, dass Karrierechancen vornehmlich von Männern wahrgenommen werden, erzählt uns Frau Prof. Dr. Böhmer im zweiten Teil des Interviews. Außerdem gibt Sie Tipps warum für einen kulturellen Veränderungsprozess vor allem Storytelling und Vorbilder so wichtig sind.

Savina Schlichte

Savina Schlichte

Was hindert Frauen daran, heute in Unternehmen Karriere zu machen?

Wie Sie durch bessere Rahmenbedingungen die Gleichberechtigung in Ihrem Unternehmen fördern können

Hier geht es zum 1 Teil des Interviews >>

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Savina Schlichte: Ist HR vielleicht auch Teil des Problems, dass wir bisher noch nicht gleiche Chancen für alle haben?

Frau Prof. Dr. Böhmer: Also meiner Meinung nach ist dieses Reduzieren von Personalarbeit auf die Abteilung HR nicht zutreffend. Die Personalarbeit in einem Unternehmen ist nur so gut, wie sie von allen gemacht wird. Das heißt z.B. auch jeder einzelne ist für seine Karriere verantwortlich. Was HR machen kann, ist einen entsprechende Infrastruktur und Unterstützung zu bieten. Als Verantwortliche für organisationale Veränderungsprozesse, auch im Bereich Kultur. Es geht immer wieder darum, dass sensibilisiert wird. Dass auch die oberste Unternehmensleitung zeigt, wir sind für dieses Thema sensibilisiert und wir möchten mit Frauen genau wie mit Männern arbeiten.

 

Savina Schlichte: Sollte also offen ausgesprochen werden von ganz Oben mit klaren Signalen und Botschaften?

Frau Prof. Dr. Böhmer: Das Sprechen allein ist nicht wichtig, sondern das Tun. Wir sprechen schon seit Jahrzehnten. Ich denke es geht darum tatsächlich zu sehen, dass eben auch Frauen zum Zug kommen, dass auch die Vorstände die Frauen sichtbar machen. Und nicht als sogenanntes „Show Piece“.

Savina Schlichte: Eine Einzige.

Frau Prof. Dr. Böhmer: Genau und die setzen wir auf die gläserne Klippe und wenn sie runterfällt, ist sie eben weg. Es muss ernst gemeint sein, damit daraus positive Geschichten erwachsen und erzählt werden können. Für einen kulturellen Veränderungsprozess sind Storytelling und Vorbilder total wichtig.

Savina Schlichte: Darf ich denn als Frau überhaupt eine angebotene Karrierechance ausschlagen? Wie sehen Sie es das?

Frau Prof. Dr. Böhmer: Das ist eine sehr traditionelle Denkweise, die Sie damit transportieren, nämlich es geht immer die Karriereleiter weiter hoch. Wir müssen davon ausgehen, dass wir ein langes Arbeitsleben haben und dass dieses lange Arbeitsleben sich tendenziell noch weiter verlängert, wenn sich unsere Gesamtlebenszeit verlängert. Was ja ein totales Privileg ist und das gibt natürlich auch die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren - oder auch in meiner aktuellen Lebensphase auszuschlagen. Dieses Müssen hat ja mit der Idee zu tun, dass es einen objektiven Karriereerfolg gibt: Wenn ich viel Geld verdiene, viele Menschen führe und weit oben in der Unternehmenshierarchie bin. Wenn ich mich aber frage, was für mich subjektiv wichtig ist - und ich habe ganz viele Interviews dazu geführt - dann kommen ganz andere Dinge zum Tragen. Da geht es viel um persönliche Zufriedenheit. Was erwarte ich denn selbst von mir? Was erwarte ich vielleicht von mir im Vergleich zu anderen? Und wie kann ich all die Dinge, die mir im Leben wichtig sind, auch erleben.

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Savina Schlichte: Was fair ist.

Frau Prof. Dr. Böhmer: Genau, das ist eine faire Entscheidung mit der Möglichkeit, ich suche mir ein anderes Unternehmen, ich gehe in die Selbständigkeit oder ich ziehe mich vom Arbeitsmarkt zurück. Und diese letzte Lösung wählen heute immer noch viele.


Savina Schlichte:
Aber auch wegen Kindern und Kindererziehung.

Frau Prof. Dr. Böhmer: Ja, es braucht eine Infrastruktur von Kinderbetreuung und von verlässlichen Ganztagesschulen und das macht Deutschland noch nicht gut. Die Art und Weise wie hier, meiner Meinung nach, das gesamte Schulsystem nach und nach immer weiter unterfinanziert wird, und wo es auch keine vernünftige Personalplanung gibt, hilft den Eltern nicht, ein gutes Gefühl zu haben. Dann entscheidet man sich, die Betreuung selbst zu machen. Ein ganz praktisches Beispiel: Wenn mein Kind das Mittagessen in der Schule nicht essen mag oder Bauchschmerzen davon kriegt, dann muss ich wohl selber kochen und es schon mittags aus der Schule nehmen.

Zitat Dr. Böhmer Personalentwicklung (2)
Savina Schlichte:
Könnte natürlich auch der Mann machen...

Frau Prof. Dr. Böhmer: Ja genau, dann muss ich es tun oder mein Partner. Und dann haben wir diese geschlechtsspezifische Arbeitsmarktsegregation, bei der wir wissen, dass tendenziell schon bei der Berufswahl die Männer sich eher die besser bezahlten Berufe aussuchen und die Frauen die häufig weniger bezahlten. Dann kommt die ökonomische Abwägung, womit kann ich den Lebensstandard meiner Familie am besten aufrecht erhalten. Das trifft dann natürlich schneller die Frauen und führt sie in eine Teilzeitbeschäftigung. Die Frage, wie man tatsächlich Teilzeit gut gestalten und damit auch noch eine Karriere ermöglich kann, ist etwas, woran es in vielen Kulturen im Unternehmen noch immer hakt. Ich habe kürzlich mit einer Frau gesprochen, die ganz viele Widerstände hatte. Sie hat dann allen gesagt, ich bin genauso erreichbar wie eine Führungskraft, die den ganzen Tag da ist. Die ist auch in Sitzungen und auch auf Geschäftsreise und nicht immer präsent. Wenn man auf seine Emails in angemessener Zeit antwortet, da ist man genauso präsent und kann genauso führen und alle Projekte zum Erfolg führen. Es gibt also gute Lösungsansätze, aber es braucht Zeit und eine positive Grundhaltung. Jeder hat seine Art und Weise mit Geschlechterrollenstereotypen umzugehen. Und muss selbst entscheiden, wie gehe ich im Beruflichen damit um. Möchte ich unbedingt als Frau den Haushalt besser machen als mein Mann, die Kinder besser erziehen als mein Mann und meinen Job besser machen als mein Mann? Dann wird es schwierig. Trotzdem ist der Anteil der unbezahlten Arbeit von Frauen - auch in guten Positionen - höher als der von Männern. Das heißt, sie ist mehr beruflich beschäftigt, wird zuhause nicht entlastet und hat noch weniger Freizeit.

Um darauf zurückzukommen: Es gibt ein Konglomerat von verschiedenen Kontexten, auf Gesellschaftsebene, im Unternehmen und auf der individuellen Ebene. Jede Person, ob Mann, ob Frau, muss ihren Weg finden. Das Unternehmen kann eine Kultur aufbauen, die verschiedene Lebensmodelle unterstützt oder auch nicht. Und wenn das gewollt ist, kann natürlich HR gut im Veränderungsprozess mitgestalten. Trotzdem gibt es Grenzen dessen, was Unternehmen bieten können.

 

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