3 Personen lachend am Arbeitsplatz

Freude am Führen

Interview Dr. Henrichfreise - Freude als Führungsqualität

Im Interview mit Dr. Sabine Henrichfreise - Teil 2. Warum Freude und Beziehungsmanagement fundamentale Führungsqualitäten in einer modernen Führungskultur sind.

In Teil I unseres Interviews mit Business-Coach Dr. Sabine Henrichfreise zu den Herausforderungen von Führungskräften in einer zunehmend brüchigen, ängstlichen, nicht-linearen und unverständlichen Welt, kurz BANI, sind die Begriffe „Freude“ und „Freude am Führen“ bereits häufiger gefallen. In Teil II erklärt Dr. Sabine Henrichfreise warum. 

Business-Coach & Supervisorin

Dr. Sabine Henrichfreise

Dr. Sabine Henrichfreise

Lebt seit 20 Jahren in Paris, ist eigentlich promovierte Juristin, beschäftigt sich aber seit vielen Jahren als Business-Coach mit der Frage, wie Menschen mit Freude leben, führen und erfolgreich sein können. Dabei begleitet sie Top-Führungskräfte, Teams und Organisationen, die innovative Führung, kreatives Beziehungsmanagement und sinnvolles Wachstum anstreben.

Freude als fundamentale Führungsqualität

Bianca Lampart: Frau Dr. Henrichfreise, Freude scheint für Sie ein wichtiger Schlüssel- und Erfolgsfaktor für Führungskräfte in der heutigen Arbeitswelt zu sein. Ich würde mich freuen, wenn Sie das noch etwas weiter ausführen könnten.

Dr. Sabine Henrichfreise: Ja, meine - etwas provozierende - Antwort auf die Frage „Welche Führung brauchen wir?“ heißt: „Führung mit Freude“. Wie kann eine Führungskraft, die keine Freude empfindet, in der heutigen Welt hoffen, dass das eigene Team auf Dauer effizient sein und die für Transformationen notwendige kollektive Energie freisetzen kann?

Ich bin überzeugt, freudlose, negative, unbewusst handelnde Führungskräfte verschlechtern Entscheidungsqualität, verhindern effiziente Kooperation und erhöhen nutzlose Konflikte. Sie überschätzen ihre Fähigkeiten und entwickeln unter Stress eine störende „Kurzsichtigkeit“. Mit Dilemma und Mehrdeutigkeit können sie kaum effizient umgehen.

Negative Emotionen sind „Energievampire“, positive Emotionen werden zu Energiespendern. Jeder kann sich selbst fragen, ob ein durch Angst, Niedergeschlagenheit und Frustration gefülltes Emotionsfeld die Mitarbeitenden auf Dauer anzieht.

Freude hingegen wirkt ansteckend und weckt die Motivation. In der Arbeitswelt ahmen Mitarbeitende, unabhängig von Kultur und Umständen, inspirierendes Verhalten nach. Es erscheint ihnen richtig und angemessen. Intuitiv erspüren sie die authentische Grundeinstellung der Person und wissen das zu schätzen. Ein kreatives Beziehungsumfeld entsteht. So können sich Mitarbeitende eine wünschenswerte Zukunft vergegenwärtigen und diese optimistisch, gemeinsam und konzentriert ansteuern und gestalten.

Bianca Lampart: Ist Führung mit Freude also DAS Allheilmittel für ein besseres Miteinander?

Dr. Sabine Henrichfreise: Nein, das heißt nicht, dass mit Freude alles besser ist oder Schwierigkeiten ignoriert werden. Aber mit Freude optimieren Führungskräfte ihre Beziehungsdynamik. Sie verbinden ihr pragmatisches Vorgehen mit menschlicher Aufmerksamkeit. Mitarbeitende vertrauen ihnen schneller, da diese Führungskräfte eigene Emotionen regulieren können. Insgesamt gibt es in ihrem Umfeld positive Energie, mehr Einsatz, intensiveres Zugehörigkeitsgefühl und mehr Spaß am gemeinsamen Erfolg.
Freude ist vielschichtig und deshalb in einer komplexen, unsicheren, unverständlichen Welt als Eigenschaft so interessant: Sie ist nicht nur Führungsqualität, sie ist auch Kompetenz und Emotion. Jeder kann Führen mit Freude erlernen.

Bianca Lampart: Können Sie ein Beispiel nennen für Führung mit Freude? Wie kann das konkret aussehen?

Dr. Sabine Henrichfreise: Eine Führungskraft praktiziert Freude, wenn sie mehr positives als negatives Feedback gibt. In schweren Zeiten lobt sie die Stärken der Mitarbeitenden. Rückmeldungen nimmt sie nicht zu persönlich und über manches kann sie auch lachen. Häufig bittet sie andere um Hilfe. Den eigenen Vorgesetzten kritisiert sie mit menschlichem Humor, Erfolge werden gefeiert. Mit dieser angesammelten und kollektiven Energie motiviert sie Mitarbeitende, Schwierigkeiten mit Mut und Offenheit anzugehen.

Warum sich Führungskräfte mit Freude als Kompetenz schwertun

Bianca Lampart: Das klingt doch sehr erstrebenswert und so als würde “Freude in Aktion“ den Alltag von Führenden und Geführten deutlich… nicht einfacher, aber leichter machen. Was hält Führungskräfte dennoch davon ab, Freude als Kompetenz zu akzeptieren und daran zu arbeiten?

Dr. Sabine Henrichfreise: Ich denke die Angst, vielleicht nicht ernst genommen zu werden, spielt hier eine Rolle. Die Sorge, dass zu viel Freude auf Dauer wie fehlende Ernsthaftigkeit wirken und die notwendige Einsatzbereitschaft bremsen könnte. Manche Führungskräfte denken vielleicht auch, sie würden als unseriös, oder schlimmer noch, als emotional wahrgenommen werden. Da spielt vielleicht so ein bisschen die Vorstellung rein, wer wirklich hart arbeitet und volles Engagement zeigt, müsse entsprechend erschöpft und überlastet wirken, statt Spaß und Freude auszustrahlen.

Freude ist in der Tat ein Wort, das unterschwellig mit „glücklich sein“, Liebe, Gesundheit, Sinn und Lebenswerten verbunden ist. Freude ist was für zu Hause, für die Ferien, für den Sportverein oder für ein Hobby. Aber Freude am Arbeitsplatz? Nicht wirklich. Für Führungskräfte ist es geradezu eine Kraftanstrengung, sich immer wieder auf das Funktionierende zu konzentrieren und Erfolge mit Freude zu analysieren. Die ständige Flut der Kritik, Unsicherheit und Frustration, mit der sie vielleicht selbst konfrontiert werden, in eine konstruktiv optimistische Sichtweise umzudeuten, erscheint manchen wie eine Sisyphusarbeit.

Es geht bei der Führung mit Freude aber keinesfalls darum, Engagement durch Freude zu ersetzen. Oder Probleme durch die derzeitig sehr in Mode stehende Happiness-Brille zu sehen. Nein: Führen mit Freude ist anstrengend, erfordert strukturelles Umdenken und Disziplin. Es geht darum, die Emotion der Freude und ihre positive Energie anzunehmen und wertzuschätzen. Ist sie nicht Kernkompetenz, dann sollte sie wenigstens das gesamte Handlungsrepertoire erweitern. So können Führungskräfte die Herausforderungen unserer Zeit mit mehr Offenheit und Kreativität meistern.

So verankert HR Freude als Führungsqualität

Bianca Lampart: Sie haben da eben einen wichtigen Aspekt aufgeworfen, die Angst von Führungskräften vor der Führung mit Freude. Wie kann hier Abhilfe geschaffen werden? Wie kann z.B. das Personalwesen Führungskräfte unterstützen, damit Freude besser als Kompetenz angenommen und gelebt werden kann?

Dr. Sabine Henrichfreise: Da fallen mir spontan verschiedene Möglichkeiten ein. Personalabteilungen können helfen, Freude als Führungsqualität zu positionieren und damit im Bewusstsein der Führungskräfte eine Alternative zum kritisch-konstruktiven Führungsstil zu etablieren. Das hat viel mit Überzeugung, Vorbildfunktion, aber eben auch Hilfestellung zu tun. Etwa Impulsvorträge, Schulungen oder Coaching-Angebote.

Auch können sie Beziehungsmanagement und Emotionsdynamik als Kernkompetenz in den Vordergrund rücken. Etwa als Anforderung im Beförderungs- oder Auswahlprozess. Dabei geht es einfach darum zu lernen, auf kollektives Angstverhalten konstruktiv zu reagieren. Hier gibt es etwa beziehungsorientierte Gruppen-Coachings, die zwar eine Hilfe von außen sind, in der Regel aber tatsächlich sehr effizient wirken.

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Wie Führungskräfte eigene Emotionen regulieren können

Bianca Lampart: Selbst wenn es Führungskräften gelingt, mit Freude zu führen, werden auch sie Situationen kennen, die sie frustrieren, in denen Zweifel hochkommen oder sie andere Gefühle zu übermannen drohen. Wie können Führungskräfte mit solchen Emotionen umgehen?

Dr. Sabine Henrichfreise: Absolut richtig. Und das ist auch gut so! Gänzlich ohne jegliches Gefühlspotential von Angst, Zweifel und möglichem Bedauern werden Führungskräfte rücksichtslos, destruktiv und zwanghaft effizient. Emotionen – ob nun Freude oder Wut, Angst oder Neugierde - zu unterdrücken, ist unrealistisch. Es geht darum, Emotionen zu regulieren.

Nehmen wir die Ungeduld oder den Ärger. In der Regel beginnt alles mit dem gerade für Führungskräfte oft schwierigen Eingeständnis: „Ich bin mal wieder ungeduldig oder ärgerlich“.
Wer ungeduldig oder ärgerlich ist, hört weniger zu. Manche ziehen sich zurück, manche werden aggressiv. Diskussionen werden abgebrochen, Entscheidungen aufgezwungen.

Bewusst und mit Achtsamkeit agierende Führungskräfte vermeiden diese Emotions-Fallen. Sie bauen stressreduzierende Rituale in ihren Tagesablauf ein. Manche treffen spät abends keine wichtigen Entscheidungen mehr, andere konzentrieren sich auf das bewusste Atmen. Wieder andere brauchen regelmäßig zwei Minuten Stille, machen Sport oder meditieren. Andere erlernen, Gefühle schnell und mit Respekt aussprechen.
Manche Führungskräfte nutzen die Gelegenheit, mit einem kompetenten Ansprechpartner die Auslöser eigner Angst, Frustration oder Negativität in positive Energie umzuwandeln. Wieder andere konzentrieren sich vermehrt auf positive Wahrnehmungen; so entwickeln sie ein ausgeglicheneres Gesamtbild.

Für jeden funktioniert etwas anderes. Aber alle, die ihre Gefühle regulieren, haben etwas gemeinsam: Sie nehmen sich Zeit, unbewusste Gedanken und Handlungsweisen zu erkennen und gegebenenfalls abzuändern. So vermeiden sie negative, demotivierende Auswirkungen auf andere. Motivieren braucht Zeit, demotivieren geht schnell. Selbstmanagement ist deshalb für diese Führungskräfte eine absolute Kernkompetenz. Wer mit Freude agieren und führen will, muss umlernen. Jeder der dies zu einer Priorität macht, fühlt sich besser, ist effizienter und hat mehr vom Leben.

Saskia Rudolph über Achtsamkeit

Der 6-Punkte-Plan für Führungskräfte für mehr Energie & Freude

Bianca Lampart: Auch wenn ich mich noch lange mit Ihnen über Führung und Führungskultur unterhalten könnte, so müssen wir doch allmählich zum Abschluss kommen. Daher die Frage: Kurz zusammengefasst, auf was sollte eine Führungskraft bei ihrem Tun und Wirken denn jetzt konkret achten?

Dr. Sabine Henrichfreise: Die heutige Situation zwingt Führungskräfte zu fundamentalen Sichtwechseln, neuen Verhaltensweisen und Denkmustern. Führen mit Freude, Empathie und Integrität ist in der heutigen Arbeitswelt keine Option mehr. Sie ist Kernkompetenz. „Es wäre schön, wenn“ reicht nicht mehr.

Wenn eine Führungskraft heute nicht mit Freude kommuniziert, agiert und inspiriert, gibt niemand sein Bestes. Von einer bedrückten, kritisierenden und rationalen Führung lässt sich heute keiner mehr motivieren.

Eine Führungskraft, ein Kunde von mir, hat sein eigenes „Freude-Manifesto“ in sechs Punkten wie folgt zusammengefasst:

  1. Alles beginnt mit der Sinnfrage: Was für einen Sinn hat es, dass gerade ich in der heutigen Zeit diese Aufgabe wahrnehme? (Frage einmal pro Jahr bearbeiten.)
  2. Positive Energie verbreiten, indem ich intensiv nach positiven Neuigkeiten Ausschau halte.
  3. Meine Emotionen regulieren und andere werden mir schneller vertrauen.
  4. Verletzlichkeit akzeptieren: Um Hilfe bitten und angebotene Hilfe annehmen und fördern.
  5. Energie ist alles: Meine Energie ist wichtig. Müde bin ich bestenfalls nutzlos.
  6. Mit Freude führen: Das inspiriert und wirkt sich positiv auf den Teamgeist aus.
Führen mit Freude, Empathie und Integrität ist in der heutigen Arbeitswelt keine Option mehr. Sie ist Kernkompetenz.

Dr. Sabine Henrichfreise – Business-Coach

Schlussplädoyer: Eine Ode an die Freude

Zum Abschluss: Freude ist eine Art Tür zu einer anderen Welt. Es ist an uns, sie zu öffnen: Wollen wir „business as usual“, mehr vom Alten, Sicherheitsdenken und ständige Kritik? Oder wollen wir die Gelegenheit nutzen, verstecktes Potenzial der Organisationen mit Freude, Achtsamkeit und Menschlichkeit frei zu setzen?
Für mich ist Freude am Führen gelebte Wertschätzung und Vertrauen in die Menschheit. Wer mit Freude führt, inspiriert die Menschen. Wir alle haben eine lebenslange Gelegenheit, Freude zu verbreiten. Auch oder gerade in der heutigen Arbeitswelt.

Bianca Lampart: Liebe Frau Dr. Henrichfreise, herzlichen Dank für das inspirierende Gespräch! Es war mir eine Freude!



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