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Kommunikation ist das A & O

Soziales Engagement als Führungskraft

Ein bewegender Erfahrungsbericht mit Lara Flemming, ehemalige Teilnehmerin des Führungskräfte-Programms SeitenWechsel

SeitenWechsel ist ein bundesweites Programm, das Führungskräften die Möglichkeit gibt, sich eine Woche lang in einer sozialen Einrichtung zu engagieren. Im Interview unterhalten wir uns mit Frau Flemming, ehemalige Teilnehmerin dieses Programms, über ihre ganz persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen.

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Lara Flemming

Lara Flemming, Sr. Vice President Corporate Communication & Marketing bei EOS, ist Führungskraft aus Leidenschaft. Deshalb geht sie seit Jahren mit ihrem Bereich voran, egal ob es um Fehlerkultur, Persönlichkeitsentwicklung oder innovative Organisationsformen geht. Sie und ihr Team berichten auch regelmäßig über die Transformation der EOS hin zu „Neuen Arbeitswelten“

Größtes Wachstum findet außerhalb der Komfortzone statt

Redaktion: Frau Flemming, Sie sind Senior Vice President Corporate Communications & Marketing bei der EOS Holding GmbH und haben 2019 im Diakonie-Hospiz Volksdorf mitgewirkt. Warum haben Sie das Hospiz als Einsatzort ausgewählt?

Frau Flemming: Ich habe das Hospiz aus persönlichen und gesellschaftlichen Gründen ausgewählt. Damals habe ich mir gesagt: Wenn ich die Chance habe, bei einem solchen Programm mitzumachen, dann möchte ich die für mich größte Herausforderung meistern – und das war die Sterbebegleitung. Meiner Meinung nach findet das Thema Tod in unserer Gesellschaft nicht statt, es ist geradezu tabuisiert. Wir setzen uns nicht damit auseinander, haben viele Ängste. Ich wollte Menschen, die jeden Tag damit konfrontiert sind, kennenlernen – und von ihnen lernen.

Nachhaltige und persönliche Erfahrungen

Redaktion: Was haben Sie von der Arbeit im Hospiz für sich persönlich mitgenommen?

Frau Flemming: Zum einen habe ich weiterhin Respekt vor der Aufgabe, Menschen würdevoll in den Tod zu begleiten. Sie und ihre Angehörigen dabei zu unterstützen, loslassen zu können. Zum Zweiten habe ich Berührungsängste verloren. Ich habe gemerkt, dass ich diese Arbeit leisten kann und wie wertvoll die Aufgabe ist, Sterbende auf den letzten Metern ihres Weges begleiten zu dürfen. Einfach da zu sein und in dem Moment etwas bewirken zu können.

Bevor ich ins Hospiz gegangen bin, hatte ich die Sorge, etwas falsch zu machen, mich nicht zu trauen. Die Erfahrung vor Ort war eine ganz andere. Ich hatte das Gefühl, sehr viel zurückzubekommen. Das erlebe ich in meinem Berufsleben so eher selten.

Und zum Dritten hat mir sehr gut gefallen, einmal ohne meine langjährige Führungsaufgabe auftreten zu können und zu sehen: Wie wirke ich? Wie handele ich? Was macht das mit mir? Meine neutrale Rolle erlaubte mir, mich voll und ganz auf die Bedürfnisse der Menschen im Hospiz zu konzentrieren.

Übertragung in den eigenen beruflichen Alltag

Redaktion: Was haben Sie in Ihr Berufsleben und für Ihre Rolle als Führungskraft mitgenommen?

Frau Flemming: Die Woche im Hospiz hat mich auf verschiedenen Ebenen sehr bereichert, und mir lag daran, meine Erfahrungen mit meinen Mitarbeitern zu teilen. Ich habe einen Blogbeitrag veröffentlicht, den viele gelesen und kommentiert haben. Die Resonanz auf ein business-fernes Thema hat mir gezeigt, wie groß das Bedürfnis in Unternehmen nach Menschlichkeit ist. Und danach, sich offen, nahbar und auch verletzlich zeigen zu dürfen. So, wie ich es im Rahmen von SeitenWechsel erlebt habe. Diese Werte sollten meiner Meinung nach fest in der Unternehmenskultur verankert sein.

In dem Blogbeitrag habe ich zwei Eindrücke aus dem Hospiz hervorgehoben:

Erstens: Ich möchte den Stress, den ich habe, häufiger wieder in ein angemessenes Verhältnis zu wirklichen Problemen setzen. Und mehr Ruhe und Gelassenheit gegenüber Themen entwickeln, die in meiner Bubble wichtiger erscheinen als sie sind.

Zweitens: Reden hilft! Egal, ob es um Übergaben zwischen Schichtwechseln, Gespräche mit Kolleg*innen oder um Supervisionen ging – alle im Hospiz haben sich um die Kommunikation bemüht. Das hat mich wiederum bestärkt, die Kommunikation in meinem Arbeitsbereich weiterhin intensiv zu pflegen. Zum Beispiel machen wir alle drei Wochen eine Retro für den Bereich. In diesem Termin reden wir ausschließlich über das „Wie“ es läuft, nicht über das „Was“ wir machen. Was behindert uns, was beflügelt uns, wo gibt es neue Ideen?

Um Themen und ihre Stimmung zu platzieren, können meine Mitarbeitenden täglich einen „Puls-Check“ nutzen. Das ist bei uns eine einfache digitale Plattform, auf der eine Stimmungsskala und Freifelder für Themen eingerichtet sind. Dort landet, was in der Retro besprochen werden soll. Wir Führungskräfte versuchen zudem verstärkt, als Coach zu agieren. In dieser Rolle verstehen wir uns nicht als Antwortgebende oder Problemlösende, sondern unterstützen unsere Mitarbeitenden durch Fragen, eigene Lösungen zu finden.

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Was brauchen Führungskräfte der Zukunft?

Redaktion: Stichwort Führungsaufgaben: Was würden Sie sich von Führungskräften in Zukunft wünschen?

Frau Flemming: Die Rolle der Führungskraft ordnet sich gerade insgesamt neu. Neben dem digitalen Fortschritt und der flexiblen Anpassung an Veränderungen denke ich, dass es beim Führen weg vom Senden hin zum Zuhören gehen muss. Der klassische Stil, Anweisungen zu geben und zu kontrollieren, ist in einer zunehmend komplexen Welt nicht mehr möglich. Vielmehr geht es um Zusammenarbeit auf Augenhöhe, um Teamarbeit. Man muss loslassen können als Führungskraft. Das hebt das Potenzial von Mitarbeitenden und entwickelt sie wirklich weiter.

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