Nahaufnahme eines Geschäftsmannes auf Whiteboard während Business-Präsentation im Büro zu schreiben

Passt der Mensch zum Unternehmen – oder umgekehrt?

Teil 1 der Interview Serie Cultural Fit

Cultural Fit für resiliente Unternehmen: Hedwig Kaszycki und Martha Adolphi von der TU Dresden berichten von einem Programm im Landkreis Görlitz

 

Das Internationale Hochschulinstitut Zittau der Technischen Universität Dresden unterstützt mittelständische Unternehmen mit einem praxisnahen Cultural-Fit-Training. Ziel ist es, Fachkräfte nicht nur zu gewinnen, sondern auch langfristig im Unternehmen zu halten. Gerade in der strukturschwachen Region rund um Görlitz zeigen die Koordinatorinnen Hedwig Kaszycki und Martha Adolphi, wie gezielte Arbeit an der Unternehmens- und Führungskultur die Resilienz ganzer Wirtschaftsregionen stärken kann. In einem dreiteiligen Interview berichten sie von ihren Erfahrungen aus der Praxis und teilen wertvolle Impulse für die Personalarbeit im Mittelstand.

Kaszycki&Adolphi3 (3)-1

Martha Adolphi & Hedwig Kaszycki

Martha Adolphi und Hedwig Kaszycki sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Internationalen Hochschulinstitut Zittau der TU Dresden. Sie koordinieren seit 2025 praxisnahe Cultural-Fit-Trainings für Personalverantwortliche, Mitarbeitende und Führungskräfte im Landkreis Görlitz.

Cultural Fit

Knapp 200 Tage kostet es Unternehmen im Landkreis Görlitz, eine offene Stelle zu besetzen. Worauf ist dieser Missstand zurückzuführen?

Martha Adolphi: Da spielen viele Faktoren zusammen. Zum einen hat der demografische Wandel die Region fest im Griff. Die Gesellschaft ist überaltert, die Geburtenrate niedrig. Deshalb gibt es sehr wenig erwerbstätige Personen hier im Landkreis. Hinzu kommt die Abwanderung – auch innerhalb der Region weg vom ländlichen Raum nach Zittau und Görlitz. Der öffentliche Nahverkehr ist nur unzureichend ausgebaut. Arbeitgeber auf dem Land sind nur schwer oder gar nicht ohne Auto zu erreichen. An unseren Cultural-Fit-Weiterbildungen für mittelständische Unternehmen nehmen etwa 30 % Arbeitgeber aus den Städten teil. Die Mehrheit ist auf dem Land angesiedelt. Den Unternehmen sind die Standortnachteile bewusst und sie versuchen gegenzusteuern – beispielsweise, indem sie unsere Veranstaltungen besuchen.

Cultural Fit beschreibt die Übereinstimmung von Werten, Verhalten und Arbeitsweisen zwischen Bewerbenden, Mitarbeitenden und Unternehmen. Ziel ist ein Arbeitsklima, in dem Menschen gerne bleiben – mit positiven Effekten auf Produktivität und geringere Fluktuation, was Kosten spart.

Woran erkennt man einen guten Cultural Fit? Welche Warnzeichen deuten an, dass etwas mit dem Unternehmensklima nicht stimmt?

Martha Adolphi: Viele Fehlbesetzungen und eine hohe Fluktuation sind Warnzeichen. Neue Mitarbeitende tun sich schwer anzukommen. Sie fühlen sich isoliert und allein gelassen. Die Einarbeitung verläuft holprig. Auf der anderen Seite erkennen wir einen guten Cultural Fit daran, dass die Leute, die kommen, gerne bleiben und sich schnell einarbeiten. Wir schauen uns auch das Betriebsklima insgesamt an: Wie wird miteinander gesprochen? Gibt es ein ehrliches Miteinander?

Mehr zum Thema:

Saskia Rudolph auf einem Sofa

Kommunikation - Positive Psychologie

Kommunikation ist der Schlüssel zu einem konstruktiven Miteinander. Theorien wie die Bedürfnispyramide von Maslow können dabei helfen.

Hedwig Kaszycki: Wir werden hellhörig, wenn Mitarbeitende im Unternehmen nur noch zynisch oder sarkastisch miteinander sprechen. Die typische Frontenbildung „die da oben, wir hier unten“ begegnet uns ebenfalls regelmäßig. In manchen Unternehmen werden Abteilungsgrenzen zu unüberwindbaren Barrieren. Die Abteilungen kooperieren nicht, worunter letzten Endes das gesamte Unternehmen leidet. Die Einzelnen leisten nur noch Dienst nach Vorschrift.

Mir fällt eine Episode ein, die diese Haltung gut illustriert. Neben einer Auftaktveranstaltung, Methodenworkshops und einem Abschlussworkshop gehört zum Programm auch eine Praxisphase in den einzelnen Unternehmen. Die Themen definieren die Teilnehmer selbst. Einmal wurden wir gebeten, für bessere Stimmung in der Produktion zu sorgen. Wir kamen in eine Fabrik, in der man das Fenster nicht öffnen konnte, weil es schon seit Jahren kaputt war. Da es ein großes Dachflächenfenster war, kletterten die Temperaturen im Sommer regelmäßig auf über 30 Grad.

Aber die Kommunikation zwischen den Arbeitnehmern und der Geschäftsführung funktionierte nicht mehr. Die Mitarbeitenden waren fest davon überzeugt, dass es ohnehin nichts bringt, das kaputte Fenster anzusprechen. Deshalb brachten wir das Thema beim nächsten Meeting mit der Führungsebene vor. Tatsächlich wussten die Führungskräfte nichts von dem kaputten Fenster. Sie ließen den Schaden umgehend beheben und waren nur allzu bereit, das Arbeitsklima in der Werkshalle in ganz wörtlichem Sinne zu verbessern.

Mehr zum Thema:

2 Menschen spiegeln sich in Fensterscheibe

Soziales Engagement als Führungskraft

Ein Erfahrungsbericht mit Lara Flemming, ehemalige Teilnehmerin des Führungskräfte-Programms SeitenWechsel, über soziales Engagement als Führungskraft.

Martha Adolphi: Ein wichtiger Aspekt in unserer strukturschwachen Region: Unternehmen müssen sich weiterentwickeln und an neue Gegebenheiten anpassen. Widerstände sind dabei ganz natürlich – doch wenn sie überhandnehmen, Veränderungen blockiert werden und Teams sich nur noch im Kreis drehen, sind das deutliche Zeichen dafür, dass der Cultural Fit nicht stimmt.

Bei den Teilnehmern des Cultural-Fit-Programms muss mindestens eine Person im Unternehmen erkannt haben, dass etwas nicht stimmt oder besser laufen könnte. HR, Führungskraft oder die Chefin persönlich?

Martha Adolphi: Manchmal schreiben uns die Geschäftsführer an, schicken aber ihre Personaler zu uns, weil das deren Metier und Aufgabenbereich ist. Manchmal haben wir Glück und beide am Tisch. Eigentlich brauchen wir beide Positionen. Spätestens, bevor wir mit der Praxisphase starten, holen wir die Geschäftsführung mit an Bord. Größtenteils wendet sich aber die Personalabteilung an uns.

Coverbild Corporate Learning
E-Book Corporate Learning

E-Book: Corporate Learning

So setzen Sie strategisches Weiterbildungsmanagement in Ihrem Unternehmen ein

Mehr erfahren

Hedwig Kaszycki: Da die Weiterbildung über öffentliche Mittel gefördert wird, fallen für die Unternehmen in der Regel keine direkten Teilnahmegebühren an. Wichtig ist lediglich eine Ansprechperson im Unternehmen, die das Thema für relevant hält und die Teilnahme anstößt. Der Chef muss keine Weiterbildung über 8.000 Euro absegnen, sondern die Personalerin oder den Personaler „nur“ 2 halbe und 2 ganze Tage dafür freistellen. Vielen fehlen einfach diese Ressourcen. Deshalb sind wir sehr dankbar, dass sie uns diese Zeit einräumen. Erst neulich waren wir in einem kleinen Unternehmen, wo alle Mitarbeitenden einen halben Tag mit uns gearbeitet haben – großartig.

E-Book: Strategisches Weiterbildungsmanagement